„Ich habe gehört, du bist jetzt Autor?"
Diese Frage höre ich in den letzten Wochen oft — und jedes Mal zögere ich bei der Antwort. Denn ehrlich gesagt: Nein. Ich bin Software Engineer, Quality Engineer, Prozessoptimierer und einiges mehr, aber kein Autor. Ich habe nie eine Schreibwerkstatt besucht, ich ringe nicht nachts mit dem perfekten Satz, und ein Manuskript in Word zu pflegen käme mir ungefähr so natürlich vor wie Produktionscode per E-Mail zu deployen.
Und trotzdem erscheint am 11. September mein Buch beim Carl Hanser Verlag.
Der Widerspruch löst sich auf, wenn man sieht, wie dieses Buch entstanden ist: Ich habe es nicht geschrieben wie ein Autor. Ich habe es gebaut wie ein Engineer — mit Quelltext, Build-Pipeline, Reviews, Diffs und einem Qualitätsprozess, der sich messen lassen muss. Genau das ist die Geschichte, wie KI die Bucherstellung verändert: Sie ersetzt nicht den Autor. Sie macht das Buchschreiben für Menschen zugänglich, deren Handwerk ein anderes ist.
Ob ein Buch über KI-gestützte Softwareentwicklung überhaupt mit KI-Unterstützung entstehen darf? Die Antwort steht im Nachwort des Buchs: Es wäre absurd, wenn es anders wäre — ein Zimmermann, der ein Buch über Elektrowerkzeuge schreibt und seine Regale demonstrativ von Hand sägt, beweist nicht Handwerkskunst, sondern Misstrauen gegen das eigene Thema.
Kein Autor – ein Architekt
In der Softwareentwicklung beschreibt das Buch einen Rollenwandel: Entwicklerinnen und Entwickler tippen immer weniger Code selbst und orchestrieren stattdessen Agenten — sie entwerfen, spezifizieren, prüfen und verantworten. Beim Buchschreiben ist mir exakt dasselbe passiert.
Die Ideen, die Gliederung, die Auswahl der Themen, der Ton, jede inhaltliche Entscheidung und jede Zahl, die im Buch steht: meine Verantwortung, mein Urteil, meine Fehler. Aber der Weg vom Gedanken zum lesbaren Absatz lief in Zusammenarbeit mit Claude Code — demselben Terminal-Agenten, dem im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Er hat Rohfassungen formuliert, Übergänge geglättet, Strukturen vorgeschlagen. Und er hat, zuverlässig und ohne Ego, akzeptiert, wenn ich seine Vorschläge verworfen habe. Das war oft.
Der Unterschied zum naiven „KI, schreib mir ein Buch" ist derselbe wie zwischen Vibe Coding und Agentic Engineering: Es ist kein Delegieren, es ist Zusammenarbeit unter menschlicher Führung. Wer den Unterschied nicht macht, bekommt Text, der glatt klingt und nichts zu sagen hat.
Der Entstehungsweg — als Commit-Historie
So sah der Weg von der ersten Notiz bis zur Druckfreigabe aus:
Ende 2025 — die Notizen. Nach einem Jahr intensiver Praxis mit KI-Coding-Agenten beginne ich aufzuschreiben, was ich gelernt habe. Noch kein Buchplan, nur Markdown-Dateien in einem Git-Repository.
Anfang 2026 — die Entscheidung. Aus den Notizen wird ein Buchprojekt. Das Setup: ein Git-Repo als Single Source of Truth, Kapitel als Markdown, Claude Code als Werkzeug. Ein Buch, aufgesetzt wie ein Software-Projekt.
Schreiben in Iterationen. Elf Kapitel entstehen im Wechselspiel: Ich gebe Thema, These und Struktur vor, die KI liefert Rohtext, ich redigiere, verwerfe, schärfe. Kein Kapitel ging ungelesen weiter — genau wie kein KI-generierter Code ungereviewt in Produktion gehört.
Faktencheck als Protokoll. Jedes Kapitel durchläuft einen dokumentierten Faktencheck: jede Zahl, jedes Zitat, jedes Datum gegen Primärquellen. Dazu ein komplettes KI-gestütztes Volllektorat mit rund 60 Korrekturen.
Frühjahr 2026 — die Verlagssuche. Exposé und Leseprobe gehen an elf Fachverlage, transparent inklusive der Entstehungsweise. Der Zuschlag: Carl Hanser Verlag.
Juni 2026 — der Build. Hanser erwartet Manuskripte in einer speziellen Word-Vorlage mit eigenen Formatvorlagen und Makros. Statt elf Kapitel von Hand zu übertragen, baue ich eine Pipeline: Pandoc plus eigene Filter übersetzen das Markdown vollautomatisch ins Verlagsformat. Eine Änderung im Quelltext, ein Befehl — Minuten später liegt das komplette Manuskript im Zielformat. Ein Buch mit Build-Pipeline.
Das Lektorat als Merge. Die Korrekturen des Verlagslektorats kommen als Word-Änderungsmodus zurück, während parallel bei mir weitergearbeitet wurde — ein klassischer Merge-Konflikt, nur mit Prosa. Gelöst mit Werkzeugen: Rund 245 Lektoratseingriffe wurden automatisiert klassifiziert und mit meinen Änderungen zusammengeführt, etwa 600 Stichwortverzeichnis-Marken zu 98 Prozent automatisch gesetzt. Vor der Abgabe lief ein Wort-für-Wort-Abgleich zwischen meinem Stand und der Verlagsfassung: 99,92 Prozent Übereinstimmung, der Rest wurde von Hand geprüft und entschieden.
Das Cover. Das Motiv — ein geteilter Entwickler-Schreibtisch, links Chaos, rechts geprüfte Struktur — stammt aus einem Bildmodell; der Prompt wurde dem Verlag offengelegt, der Verlagsgrafiker hat daraus den finalen Umschlag gebaut.
August 2026 — die Haltbarkeitsprüfung. Kurz vor Erscheinen habe ich das fertige Buch noch einmal komplett gegen den aktuellen Stand der Werkzeuglandschaft geprüft — was hat sich seit Redaktionsschluss verändert, welche Aussage braucht eine Fußnote aus der Zukunft? Das Ergebnis ist eine laufend gepflegte Update-Seite zum Buch. Denn ein gedrucktes Buch ist ein Release ohne Hotfix-Kanal — also habe ich ihm einen gebaut.
11. September 2026 — Release. 246 Seiten, elf Kapitel, E-Book inklusive.
Was ich dabei gelernt habe
Die KI beschleunigt das Schreiben, nicht das Denken. Die Stunden, in denen das Buch wirklich entstand, waren die vor dem leeren Gliederungsdokument, nicht die vor dem generierten Text. Das deckt sich mit der Kernthese des Buchs: Das Wertvollste am Entwickler ist nicht das Tippen — und am Autor nicht das Formulieren.
Qualität ist ein Prozess, keine Modelleigenschaft. Kein Sprachmodell dieser Welt macht ein Buch verlässlich. Verlässlich wurde es durch Protokolle: dokumentierter Faktencheck, mehrere Review-Runden, Validierung mit Zahlen statt Gefühl. Wer KI-Output ungeprüft übernimmt, bekommt beim Buch dasselbe wie beim Code — es sieht richtig aus.
Die Automatisierung lohnt sich an den Rändern. Der Text selbst war der kleinere Teil der Werkzeugarbeit. Formatkonvertierung, Lektorats-Merge, Indexmarken, Abgleiche — die unsichtbare Fleißarbeit, an der Buchprojekte sonst Wochen verlieren, lief hier in Skripten. Das ist die vielleicht unterschätzteste Stärke von KI-Agenten: nicht der glänzende Erstentwurf, sondern die hundert kleinen Werkzeuge drumherum.
Transparenz ist keine Höflichkeit, sondern Pflicht. Der Verlag hat klare KI-Regeln, das Buch legt seine Entstehung im Nachwort offen, der Cover-Prompt wurde mitgeliefert. Wer mit KI arbeitet und es verschweigt, hat das Falsche zu verbergen.
Und bei aller Prozessdisziplin gehört auch das zur Ehrlichkeit: Mir ist mit Sicherheit trotzdem etwas durchgerutscht, und es werden noch Fehler auffallen — vermutlich schneller, als mir lieb ist. Wäre das ohne KI auch passiert? Sicher. Kein Erratum der Verlagsgeschichte hat je ein Sprachmodell gebraucht. Der Unterschied liegt im Umgang damit: Was auffällt, landet mit Fundstelle und Korrektur auf der Update-Seite — und wer einen Fehler findet, darf ihn mir gern melden. So behandelt man Bugs.
Der Punkt, an dem sich der Kreis schließt
Das Buch beschreibt den Weg von Vibe Coding — schnell, intuitiv, unkontrolliert — zu Agentic Engineering: strukturiert, verifiziert, verantwortet. Seine eigene Entstehung ist diesen Weg gegangen. Nicht „ich habe mir ein Buch generieren lassen", sondern: Ideen und Verantwortung beim Menschen, Ausführung im Zusammenspiel mit Agenten, Qualität durch Prozess.
Auf die Frage vom Anfang habe ich inzwischen eine Antwort gefunden, mit der ich leben kann: Nein, ich bin kein Autor geworden. Ich habe ein Buch gebaut. Und ich bin überzeugt, dass das in ein paar Jahren niemanden mehr wundern wird — so wenig, wie es heute jemanden wundert, dass Software von Leuten mitgestaltet wird, die keine Zeile Code tippen.
Wenn Sie wissen wollen, wie das in der Softwareentwicklung konkret aussieht — mit den Werkzeugen, den Methoden-Frameworks, einem vollständigen Praxisprojekt und einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Grenzen —, dann ist das Buch für Sie geschrieben.
Von Vibe Coding zu Agentic Engineering — Methoden für professionelle Softwareentwicklung mit KI
Carl Hanser Verlag, erscheint am 11. September 2026, E-Book inklusive.
Jetzt bestellen
Die Update-Seite zum Buch:
Die Werkzeuglandschaft dreht sich schneller, als ein Druckwerk nachziehen kann — ich halte das Buch laufend aktuell: Korrekturen, fortgeschriebene Zahlen, Nachträge, jeweils mit Fundstelle und Quelle.
raffelino.github.io/agentic-engineering
Und wenn Sie das im Unternehmen angehen wollen:
„Empathisch aber high tech" — der Claim der viadee beschreibt ziemlich genau, wie dieses Buch entstanden ist: der Mensch im Mittelpunkt, die Technologie als Verstärker. Nach demselben Prinzip helfen wir Entwicklungsabteilungen, KI-Werkzeuge nachhaltig und qualitätsorientiert in ihre Softwareentwicklung zu integrieren — von der Werkzeugauswahl über Methodik bis zur Team-Befähigung.
Sprechen Sie uns an.