Leichte Sprache als Teil digitaler Barrierefreiheit

19 Feb. 2026

5 Minuten Lesezeit

Leichte Sprache zur Barrierefreiheit - Easy-to-Read

Barrieren im Web

Das Internet sollte ein Ort sein, der für alle Menschen zugänglich ist. In der Praxis stoßen aber viele Menschen immer noch auf digitale Barrieren bei der Nutzung des Internets. Das ist problematisch, denn wenn Informationen, Services oder behördliche Anliegen fast nur noch online stattfinden, bleiben diese Personen potenziell ausgeschlossen. Einschränkungen und Barrieren sind so individuell wie wir Menschen und daher sehr breit gefächert. Einige der häufigsten Barrieren, betroffene Personengruppen sowie gesetzliche Vorgaben werden u.a. im Blogbeitrag Barrierefreiheit in der IT: Warum sie wichtig ist und wie man sie umsetzen kann erläutert.

Digitalen Barrieren entgegenzuwirken, ist mittlerweile gesetzlich geregelt. Die BITV 2.0 verpflichtet bereits seit einigen Jahren öffentliche Stellen und Behörden dazu, ihre Webseiten und Apps barrierefrei zu gestalten. Nun ist allerdings auch ein großer Teil der Privatwirtschaft gesetzlich zur Barrierefreiheit verpflichtet und muss seit dem 28. Juni 2025 vollständig barrierefrei sein. Das regelt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (mehr zum BFSG hier). Doch trotzdem fallen immer noch 96,3% der Webseiten bei Barrierefreiheitstests durch (Pandey, 2025).

Viele Barrieren lassen sich mit Design- oder Code-Anpassungen bereits mit geringem Aufwand beheben (siehe Blogbeitrag Barrierefreiheit leicht gemacht: Zehn Quickwins für Deine Webanwendung). Doch bei kognitiven Barrieren gestaltet es sich oft noch etwas schwieriger. Während hohe Kontraste und Tastaturnavigierbarkeit oft schon Standard sind, bleiben verständliche Sprache und ein klar strukturiertes Layout oft auf der Strecke, meist aus Unwissenheit oder Kostengründen. Dabei betreffen diese Barrieren rund 10,8% der Weltbevölkerung (Pandey, 2025).

Kognitive Barrieren: Wer ist betroffen?

Kognitive Einschränkungen sind breit gefächert. Beispiele für kognitive Einschränkungen sind Lernschwächen, Lese-/ Rechtschreibschwäche, geringe Sprachkompetenz, Demenz, temporäre Einschränkungen bspw. nach einem Schlaganfall oder unter Alkoholeinfluss, Konzentrationsprobleme, usw.

Für viele Menschen mit kognitiven Einschränkungen wird Standard- und Fachsprache daher zur Barriere. Da zentrale Informationen zunehmend ausschließlich online bereitgestellt werden und häufig sprachlich komplex gestaltet sind, bleibt der Zugang zu diesen Inhalten für Betroffene erschwert oder sogar gänzlich verwehrt.

Einfache Sprache und Leichte Sprache

Einfache und Leichte Sprache können ein Hilfsmittel zur besseren Integration kognitiv eingeschränkter Menschen sein: Einfache und Leichte Sprache sind Kommunikationsformen, um sprachlichen Verständnisbarrieren entgegenzuwirken. Ziel beider Kommunikationsformen ist es, dass Inhalte für alle Menschen verständlich werden, unabhängig von Bildungshintergrund, Muttersprache oder kognitiven Fähigkeiten. Auch wenn die Bezeichnungen anmuten lassen, dass es sich um ein und dasselbe handeln könnte, so gibt es einige Unterschiede:

Einfache Sprache folgt keinen festen Regeln und orientiert sich lediglich an der alltäglichen Umgangssprache. Sie gilt für die meisten Menschen als sehr verständlich und findet daher auch schon in vielen fachlichen Kontexten Verwendung (z.B. medizinische Infobroschüren und Befunde in einfacher Sprache). Für viele Menschen reicht die einfache Alltagssprache schon aus, um Verständnishürden zu überwinden.

Leichte Sprache hingegen ist eine speziell entwickelte Kommunikationsform der deutschen Sprache, die konkret darauf abzielt, so viele Verständnisbarrieren wie möglich zu beseitigen. Sie folgt festen sprachlichen und gestalterischen Regeln, die dem Textverständnis zuträglich sind. Dazu gibt es verschiedene Regelwerke, die sich oft nur geringfügig unterscheiden. Dazu einige Beispiele, die sich in allen Regelwerken wiederfinden: 

Eine Tabelle der Regeln für Barrierefreiheit

Schon auf den ersten Blick wird deutlich:
Leichte Sprache reduziert Komplexität, strukturiert Informationen kleinschrittig und ermöglicht so Menschen, Inhalte selbstständig zu erfassen. Genau das ist der Kern von Barrierefreiheit im digitalen Raum: Selbstbestimmung statt Abhängigkeit.

Leichte Sprache als Teil digitaler Barrierefreiheit

Barrierefreiheit wird im Web oft zuerst mit Technik assoziiert: Kontraste, Screenreader, Tastaturbedienung. Diese Aspekte sind essenziell, aber sie greifen zu kurz, wenn Inhalte sprachlich nicht zugänglich sind. Gerade Websites, Apps und Online-Portale müssen Leichte Sprache mitdenken, denn sie sind häufig die erste - und teilweise einzige - Schnittstelle zu Informationen, Services oder Teilhabe.

Bei der viadee ist uns genau das besonders wichtig: Barrierefreiheit verstehen wir nicht als Pflichtübung, sondern als Qualitätsmerkmal digitaler Produkte. Eine Website ist für uns erst dann wirklich gut, wenn sie von möglichst vielen Menschen genutzt und verstanden werden kann und Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle.

Ausblick: Leichte Sprache skalierbar machen

Leichte Sprache ist also ein wirksames Mittel zur Stärkung digitaler Barrierefreiheit, gleichzeitig aber aufwendig in der Umsetzung. Inhalte manuell zu übersetzen, zu prüfen und aktuell zu halten, kostet Zeit, Geld und Expertise. Genau hier stellt sich die entscheidende Frage:

Wie können wir Leichte Sprache so umsetzen, dass sie auch im digitalen Alltag realistisch, skalierbar und nachhaltig einsetzbar ist?

Mit dieser Frage haben wir uns bei der viadee intensiv beschäftigt daraufhin ein KI-gestütztes Tool entwickelt, das Webseiten automatisch in Leichte Sprache übersetzt und dabei sowohl sprachliche als auch gestalterische Regeln der Leichten Sprache berücksichtigt. Im nächsten Beitrag beschäftigen wir uns daher damit, wie dieses Tool entstanden ist, wie es technisch funktioniert und welches Potenzial KI für die digitale Barrierefreiheit bietet.