Bedarf an automatisierten Lösungen für Leichte Sprache im Web
Im letzten Beitrag (siehe Blogbeitrag: Leichte Sprache als Teil digitaler Barrierefreiheit) haben wir gezeigt, warum Leichte Sprache ein zentraler Baustein digitaler Barrierefreiheit ist und warum technische Barrierefreiheit allein nicht ausreicht, wenn Inhalte kognitiv nicht verstanden werden können. Leichte Sprache erweist sich in diesem Fall als wirksames Mittel, um Teilhabe, Selbstständigkeit und den Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde deutlich: Ihre konsequente Umsetzung ist mit erheblichem Aufwand verbunden.
Vollumfänglich barrierefreie Websites sind inzwischen gesetzlich vorgeschrieben und Leichte Sprache gilt als Maßstab für sprachliche Barrierefreiheit. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: Im Grunde bräuchte jede Website zwei Versionen – eine reguläre Version und eine Version in Leichter Sprache. Eine händische Übersetzung in Leichte Sprache sowie die Implementierung einer zweiten, stark vereinfachten Version der Website, die alle sprachlichen und gestalterischen Regeln der Leichten Sprache einhält, sind teuer. Deshalb fällt dieser Teil der Barrierefreiheit oft unter den Tisch – die Zielgruppe gilt als „nicht relevant genug“.
Wenn Leichte Sprache also für viele Menschen der Schlüssel zu Informationen ist, dann braucht es einen Weg, diesen Schlüssel automatisch und kostengünstig bereitzustellen. Genau an diesem Punkt kam in der viadee die Frage auf: Warum nicht KI nutzen, um echte Inklusion skalierbar zu machen?
Und so entstand die Idee für ein Tool, das mit einem einzigen Klick Webseiten automatisch in Leichte Sprache übersetzt. Dieser Ansatz reduziert Kosten, minimiert den zusätzlichen Entwicklungsaufwand und ermöglicht gleichzeitig echte Chancengleichheit.
Leichte Sprache durch KI: KAKTUS
Die Anforderungen an das Tool wurden durch umfangreiche Expert:inneninterviews ermittelt. Dafür wurden viadeeler:innen aus den Bereichen Barrierefreiheit, Business Analyse und Datenschutz einbezogen. Zusätzlich fanden Interviews mit einer externen auf barrierefreie Interfaces spezialisierten UX-Designerin sowie einer professionellen Übersetzerin für Leichte Sprache statt.
Aus diesen Gesprächen entstand ein klares Zielbild: Das Tool soll sich nahtlos in jede Website integrieren lassen, von der Zielgruppe leicht verständlich und intuitiv nutzbar und zugleich datenschutzkonform sein. Eine vollständig regelkonforme, KI-basierte Übersetzung in Leichte Sprache, insbesondere inklusive der gestalterischen Vorgaben, wäre eine deutliche Innovation im Bereich digitaler Barrierefreiheit. Aus all diesen Anforderungen entstand das KI-gestützte Automatische Kommunikations- und TextVereinfachungsSystem (KAKTUS).
Technische Umsetzung
Um eine universelle Einbindung in alle Webseiten zu ermöglichen, wurde KAKTUS als zusätzlicher Button erstellt, den man an jeder beliebigen Stelle auf der Webseite einbinden kann. Dafür wurde er als Web Component konzipiert, um sowohl mit statischem HTML als auch mit allen gängigen Frameworks, wie bspw. React oder Angular, kompatibel zu sein.
Sobald Nutzende auf diesen Button klicken und die Übersetzung auslösen, startet im Hintergrund eine Kette von Prozessen:
Die Texte der Webseite werden abschnittsweise extrahiert. Dabei dienen Überschriften, Bilder und andere Navigationselemente als Orientierungspunkte, die bestimmen, wo ein Abschnitt beginnt oder aufhört. Navigationselemente werden hierbei nicht übersetzt, um die vorherige Struktur der Seite beizubehalten.
Die KI bekommt einen klaren Prompt mit den Regeln der Leichten Sprache (Netzwerk Leichte Sprache e.V.). Darin enthalten sind Beispiele für jede Regel, an die die KI sich halten soll.
Nach erfolgreicher Übersetzung werden die übersetzten Abschnitte wieder an ihrem vorherigen Standort eingefügt. Dabei wird die Schrift vergrößert, jeweils nur ein Satz pro Zeile eingefügt und die Texte linksbündig ausgerichtet. So können die gestalterischen Regeln Leichter Sprache ebenfalls berücksichtigt werden.
Die Übersetzung sowie die Originaltexte werden im Backend gespeichert, um bei erneuter Übersetzung oder Rückübersetzung auf die gecachten Texte zurückgreifen zu können. So kann allen Nutzenden dasselbe Übersetzungsergebnis angezeigt werden. Außerdem kann so mit nur einem Klick eine unverzügliche Hin- und Rückübersetzung stattfinden, ohne lange Wartezeiten.
Übersetzungsqualität
Um die Übersetzungsqualität zu evaluieren, wurden die Expert:innen, mit denen bereits zu Beginn die Anforderungen aufgestellt wurden, erneut eingebunden. Sie testeten die Anwendung anhand der viadee-Homepage. Der Gesamteindruck fiel positiv aus, insbesondere angesichts der Tatsache, dass KI-gestützte Übersetzung in Leichte Sprache bislang kaum existiert und das Tool einen neuartigen Ansatz verfolgt. Die Tester:innen hoben hervor, dass die erzeugten Texte insgesamt ein erstaunlich hohes Qualitätsniveau erreichten: sprachlich klar, regelkonform und gut nachvollziehbar. Die Texte wurden als sehr leicht verständlich wahrgenommen und besonders die kleinschrittige Erklärung von Fachbegriffen wurde gelobt.
Dieser subjektive Eindruck wurde durch eine zusätzliche objektive Evaluation der Übersetzungsqualität bestätigt: Der Hohenheimer Verständlichkeitsindex (mehr dazu hier) der Übersetzungen erreichte durchgehend das Benchmark-Niveau für Leichte Sprache. Das bedeutet eine Vereinfachung der Texte vom Sprachniveau C1 auf A1/A2, die von der KI konstant erreicht werden konnte.
Auch die erstmalige Anpassung von Layout-Elementen (Anpassung der Schriftgröße, Textausrichtung, usw.) wurde als innovativ und grundlegend hilfreich bewertet. Gleichzeitig traten dabei aber noch einige Schwächen zutage, die vor allem auf aktuelle Limitierungen der Layout-Anpassung, Grenzen aktueller KI-Modelle sowie auf die abschnittsweise Übersetzungstechnik zurückzuführen sind.
Stärken und Schwächen im Überblick:
Positive Effekte:
Die KI hält sich weitgehend zuverlässig an die strikten Regeln der Leichten Sprache.
Kein Informationsverlust: Inhalte werden vollständig und korrekt wiedergegeben.
Logisch strukturierte, klar gegliederte Textaufbereitung.
Fachbegriffe werden kleinschrittig und verständlich erläutert.
Erstmals automatisierte Layout-Anpassungen, die von den Testenden als grundlegend hilfreich bewertet wurden.
Nahtlose Einbettung in die Website, ohne externe Tools oder Copy-Paste.
Negative Effekte:
Die Texte fallen insgesamt zu lang aus, was die Lesbarkeit mindert.
Häufige Wiederholungen, bedingt durch abschnittsweise Verarbeitung.
Teilweise werden Informationen übersetzt, die für die Zielgruppe nicht relevant sind.
Fehlende zusätzliche Layout-Personalisierungen (z. B. Schriftgröße usw.)
Layout-Anpassungen sind noch nicht ausreichend umfassend. Weitere Personalisierungsoptionen sind gewünscht.
Containergrößen passen sich noch nicht dynamisch an, was zu Überläufen oder Leerflächen führen kann.
Viele der Schwachstellen sind auf den Stand der KI zum Zeitpunkt der Umsetzung zurückzuführen und noch nicht besser lösbar. Bei der statischen Anwendung der Grammatikregeln konnte die KI bereits überzeugen, wohingegen sie bei der zwischenmenschlichen Sicht auf die Übersetzung noch Schwächen zeigt: Die KI kann sich nicht so in die Zielgruppe hineinversetzen, wie menschliche Übersetzende es können. Daher stellt bspw. die zielgruppengerechte Auswahl relevanter Informationen für die Modelle weiterhin eine Herausforderung dar, insbesondere, da nur wenige Trainingsdaten in Leichter Sprache existieren.
Wiederholungen entstehen vor allem durch die gewählte abschnittsweise Übersetzungsmethode. Dadurch kommt es zwar nicht zu Informationsverlust und stellt das Wiedereinsetzen der Texte an der richtigen Stelle auf der Seite sicher, jedoch treten dadurch zu viele Dopplungen im übersetzten Text auf. Dies kann allerdings durch eine Anpassung des Prompts optimiert werden.
Auch die Layout-Anpassungen können technisch weiter ausgebaut werden. Ein Teil der Verbesserungen lässt sich unabhängig vom KI-Modell durch zusätzliche Styles, heuristische Regeln oder manuelle Ergänzungen implementieren. Der Wunsch nach zusätzlichen Personalisierungsoptionen zeigt deutlich, wie wichtig eine Anpassung des Layouts nach der Übersetzung ist und bestätigt, dass der Ansatz des Tools genau in die richtige Richtung geht und kontinuierlich weiterentwickelt werden sollte.
Ausblick: KI-Tools sind die Zukunft der Barrierefreiheit
Insgesamt wurde das Tool durchweg bereits als “guter, erster Aufschlag” bezeichnet. Es wurde betont, dass es mit Weiterentwicklung der erwähnten Punkte, durchaus denkbar wäre, das Tool produktiv einzusetzen.
Das Ergebnis zeigt insgesamt, dass KI definitiv imstande ist, den Alltag vieler Menschen ein Stück weit barrierefreier zu machen. Auf lange Sicht wäre ein ganzheitlicher Ansatz sicher ebenfalls möglich, der über reine Textvereinfachung hinaus geht: Texte, Bilder, Videos und interaktive Elemente könnten unterstützt werden und dynamisch an die Bedürfnisse der Nutzenden angepasst werden. Barrierefreiheit könnte so flexibler und skalierbarer werden: Weg von statischen Lösungen, hin zu adaptiven User Interfaces, die sich den Nutzenden anpassen. Voraussetzung dafür ist, dass wir technische Innovation mit inklusivem Design Thinking verbinden, denn am Ende geht es nicht nur um Technologie, sondern darum, echte Teilhabe im digitalen Raum zu ermöglichen.